Screen-Apnoe: Wenn wir am Bildschirm aufhören zu atmen — und der Weg zurück

Eine Einladung, der eigenen Atmung wieder zu begegnen — und mit ihr der Klarheit, die zwischen zwei Atemzügen wohnt.

Erklärung: Screen-Apnoe ist das unbewusste Anhalten oder Verflachen des Atems vor dem Bildschirm. Rund 80 Prozent der Menschen zeigen dieses Muster. Es ist eine alte Schutzreaktion des Nervensystems — und es lässt sich verstehen, messen und sanft umkehren. Dieser Text folgt dem Weg von der ungesunden Atempausen am Monitor zurück zur Stille zwischen den Atemzügen.

Auf den Punkt: Etwa 80 Prozent der Menschen halten am Bildschirm unbewusst den Atem an oder atmen flach. Linda Stone, ehemalige Apple- und Microsoft-Forscherin, gab dem Phänomen 2008 einen Namen: zuerst E-Mail-Apnoe, später Screen-Apnoe. Anders als die Schlafapnoe ist es nicht lebensbedrohlich — aber es hält das Nervensystem in leiser Daueralarm-Bereitschaft.

Hören Sie die Stille?

Es beginnt unscheinbar. Das Postfach öffnet sich, eine Nachricht erscheint — und der Atem stockt. Stone bemerkte das 2007 zunächst an sich selbst: Sie atmete in Erwartung ein, aber nicht mehr aus. In den folgenden Monaten beobachtete sie rund 200 Menschen und sprach mit Forschenden und Fachleuten. Das Ergebnis: Etwa 80 Prozent zeigten am Bildschirm eine gestörte Atmung. Später weitete sie den Begriff zu „Screen-Apnoe", denn das Muster beschränkt sich nicht auf E-Mails, sondern begleitet jede konzentrierte Arbeit am Monitor.

Aufschlussreich sind die Ausnahmen. Wer Atmung über Jahre geübt hatte — in Stones Beobachtung etwa eine Berufsmusikerin und Athleten —, zeigte das Muster nicht. Das ist die hoffnungsvolle Nachricht in dieser Stille: Screen-Apnoe ist keine unausweichliche Begleiterscheinung der Bildschirmarbeit, sondern eine erlernte Reaktion. Und was erlernt ist, lässt sich verändern.

Was die Studien zeigen

Entscheidend in dieser Situation ist das fehlende Ausatmen. Die Einatmung aktiviert kurz den Sympathikus (Anspannung), erst die Ausatmung führt in den Erholungsmodus (Parasympathikus). Bei der Screen-Apnoe bleiben wir auf der Einatmung hängen und überspringen das regulierenden Ausatmen — über den Tag verschiebt das die Balance Richtung Daueranspannung.

Der Mechanismus dahinter ist schlichter, als man denkt. Das autonome Nervensystem folgt dem Atem im Takt: Die Einatmung aktiviert kurz den Anspannungs-Zweig, die Ausatmung öffnet den Erholungs-Zweig und verlangsamt den Herzschlag. Eine längere, bewusste Ausatmung ist deshalb der direkteste und am besten belegte Weg zurück in die Erholung.

Bei der Screen-Apnoe bleibt genau dieser Hebel ungenutzt. Wer auf der Einatmung verharrt oder flach weiteratmet, überspringt die beruhigende Gegenbewegung — hunderte Male am Tag, unbewusst, ohne Erholung. Das ist kein einzelnes dramatisches Ereignis, sondern eine chronische, leise Schieflage: Der Körper bleibt „auf Abruf". Und unter anhaltender Aktivierung arbeitet der präfrontale Kortex — der Sitz von Urteilskraft und Impulskontrolle — nachweislich schlechter (Arnsten, Nature Reviews Neuroscience). Der Preis für klares Denken entsteht aus der Dauer-Anspannung, nicht aus dem Kohlendioxid.

Wichtig, weil es oft verwechselt wird: Eine milde Erhöhung des Kohlendioxids — wie sie auch beim langsamen Atmen oder einer ruhigen Atempause entsteht — wirkt nicht alarmierend, sondern beruhigend; sie baut CO₂-Toleranz auf. Das Problem der Screen-Apnoe ist nicht der angehaltene Atem an sich, sondern sein unbewusster, chronischer Charakter ohne das ausgleichenden Ausatmen.

Dal Lake, Kashmir, Foto: EvaMakkos

Dal Lake, © Eva Makkos, 2007

Die Pause zwischen den Atemzügen

„Zwischen dem einen und dem anderen Atemzug öffnet sich ein Raum, in dem du dir selbst begegnest." — sinngemäß nach dem Vijñāna Bhairava (Verse 24–27)"

Auf den Punkt: Es gibt eine Gegenbewegung zur Screen-Apnoe — und sie ist alt. Schon vor rund 1200 Jahren beschrieb der Vijñāna Bhairava, ein Text der philosophischen Tradition des kashmirischen Shivaismus, in den Versen 24 bis 27 den Raum zwischen Ein- und Ausatmung als Tor zu sich selbst. Es geht dabei darum, das Bewusstsein in jener natürlichen Stille ruhen zu lassen, die nach dem Ausatmen, bzw. zwischen den Atemzügen ohnehin entsteht.

Empfohlen hat mir das Buch — die deutsche Übersetzung des Vijñāna Bhairava von Bettina Bäumer — mein damaliger Yogalehrer im Jahr 2006. Es waren die Verse über die Atempausen, die Verse 24 bis 27, die mich so fasziniert haben, dass ich ein Jahr später nach Kaschmir geflogen bin, um mehr zu lernen.

Auf dem Weg dorthin traf ich zuerst Bettina Bäumer selbst in Varanasi. Sie hat mir den Weg geebnet: Ich durfte in Srinagar auf jenem Hausboot übernachten, das sie über die Jahre immer buchte, und sie stellte die Kontakte her, über die ich schließlich zum Ashram von Swami Lakshmanjoo — dem großen Meister des Kashmir-Shivaismus — nahe den Mogul-Gardens einfacher fand. Dort hat man sich über den Besuch gefreut, denn nicht immer ist eine Reise nach Kashmir möglich und für mich war ein prägendes Erlebnis.

Der entscheidende Unterschied zur Screen-Apnoe ist nicht die Atmung selbst, sondern das Bewusstsein. Bei der Screen-Apnoe verlieren wir den Atem unbemerkt, in einem Zustand der Anspannung; in der bewussten Pause ruht die Aufmerksamkeit für einen Moment in der natürlichen Stille nach dem Ausatmen. Genau diese Achtsamkeit, zusammen mit dem von selbst langsamer werdenden Atem, lässt das System in den Erholungsmodus zurückfinden. Die alte Erfahrung und die moderne Beobachtung deuten auf dasselbe: In der Pause findet das System zurück zu sich.

Was geschieht; wenn Sie bewusst atmen

Die bewusste, verlängerte Ausatmung kehrt die Screen-Apnoe um: Sie aktiviert den Parasympathikus, hebt die Herzratenvariabilität und senkt Cortisol — und sie schützt den Präfrontalkortex, den Sitz von Urteilskraft, Impulskontrolle und kognitiver Flexibilität.

Wirkung / Atemmuster

Nervensystem

Herzratenvariabilität

Cortisol

Präfrontalkortex / Urteilskraft

Screen-Apnoe-Anhalten

Sympathikus (leiser Alarm)

sinkt

erhöht

gedrosselt, Tunnelblick

bewusste längere Ausatmung

Parasympathikus (Erholung)

steigt

sinkt

geschützt, klarer Blick

Der Unterschied ist keine Frage der Willenskraft, sondern der Physiologie und der Achtsamkeit. Eine verlängerte Ausatmung — etwa vier Sekunden ein, sechs Sekunden aus — genügt, um das System spürbar umzuschalten. Studien zu langsamer, bewusster Atmung zeigen konsistent: Sie aktiviert den Parasympathikus, hebt die Herzratenvariabilität, senkt Cortisol und stützt Aufmerksamkeit und Erholung. Am deutlichsten wirkt das in regelmäßiger, geführter Praxis — dort verschiebt sich nicht nur der Moment, sondern die Grundregulation.

Wer diesen Weg nicht allein, sondern angeleitet gehen möchte, findet geführte Atem-Angebote auf breathwork-freiburg.de — von einzelnen Sessions bis zu Audios für die tägliche Praxis.

Gefangene oder Schöpfer Ihrer Muster?

Am Ende steht eine Frage der Selbstgestaltung: Sind Sie der Gefangene Ihrer Muster — oder deren Schöpfer? Sie können es in jeder Minute neu entscheiden, mit fünf, sechs, zehn bewussten Atemzügen. Dabei geht es um die kleine, tägliche Rückkehr zu sich.

Wer mehr zur wissenschaftlichen Tiefe lesen möchte, findet sie im Wissens- & Forschungsseite der Laya Academy UG.

Screen-Apnoe ist der Stop, in der wir uns selbst kurz verlieren. Die bewusste Pause zwischen den Atemzügen ist der Ort, an dem wir uns wiederfinden.

Titel des Inhaltsfelds
Was verursacht Bildschirm-Apnoe?

Bildschirm-Apnoe ist eine Stressreaktion. Bei konzentrierter Bildschirmarbeit und ständig neuen Reizen überwiegt das aktivierende Nervensystem; der Körper verharrt auf der Einatmung und überspringt den beruhigenden Ausatem.

Welche Symptome treten bei zu viel Bildschirmnutzung auf?

Neben überanstrengten Augen sind es vor allem Folgen des flachen Atmens: innere Anspannung, sinkende Konzentration, Reizbarkeit und schlechterer Schlaf. Die Bildschirm-Apnoe — das unbewusste Atemanhalten — ist einer der unterschätzten Treiber dahinter.

Was ist der Unterschied zwischen Screen-Apnoe und Schlafapnoe?

Die Schlafapnoe ist ein medizinisches Atemstillstands-Phänomen im Schlaf, das ärztlich behandelt wird. Screen-Apnoe ist eine unbewusste Stressreaktion im Wachzustand am Bildschirm — nicht krankhaft, aber regulierbar.

Welche Atemübung hilft gegen Screen-Apnoe?

Am einfachsten ist die verlängerte Ausatmung: etwa vier Sekunden einatmen, sechs Sekunden ausatmen. Schon wenige bewusste Atemzüge vor wichtigen Mails oder Meetings unterbrechen den Daueralarm; nachhaltig wirkt eine regelmäßige, geführte Atempraxis.

Ist die bewusste Atempause dasselbe wie das Atem-Anhalten am Bildschirm??

Nein, und der Unterschied ist das Bewusstsein. Screen-Apnoe ist ein unbewusstes, angespanntes Verharren auf der Einatmung. Die bewusste Atempause ist das achtsame Ruhen in der natürlichen Stille nach dem Ausatmen — kein Anhalten, sondern ein Geschehenlassen.

Über die Autorin

Eva Makkos ist Promovendin an der Europa-Universität Viadrina zu menschlichen Transformationsprozessen, Dipl.-Kunsttherapeutin, und seit über 30 Jahren in der Atem- und Meditationspraxis verwurzelt. Als Transformational Breath® Group Leader und SOMA Breath® Master Instructor verbindet sie wissenschaftliche Forschung, traditionelle Quellen und gelebte Praxis. Für ihren Vortrag zur Screen-Apnoe erhielt sie im April 2026 den Excellence Award des Internationalen Speaker Slams.

Jetzt abonnieren.

Melden Sie sich für den monatlichen Newsletter an, um die interessantesten Geschichten vor allen anderen direkt in Ihrem Posteingang zu erhalten.

© Eva Makkos - Laya Academy UG (haftungsbeschränkt), alle Rechte vorbehalten | Datenschutz | Impressum | Geschäftsbedingungen